Jenseits der Mauer: DDR Kultur und Literatur 1949-89

GRMN 295
Faull
Wintersemester 2000
di. u. do. 13-14.30

Marx: Eine Erläuterung der Terminologie

 

Die klassische Formulierung der Grundthese des historischen Materialismus durch Marx.

"In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen.  Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen.  Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt.  Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt".

Fragen

Was ist Produktion?  Was ist Praxis?

Beide Begriffe sind Hauptthesen der marxistisch-leninistischen Philosophie.  Der Mensch steht gegenüber der Natur und versucht sie neu zu gestalten. Die Praxis heißt also die Veränderung, die Umgestaltung der objektiven Realität.  Der Mensch wirkt mit allen seinen Mitteln auf die Dinge und Erscheinungen der Natur ein, bildet sie um und verändert sich dadurch auch selbst.

            Diese Tätigkeit ist bewusst und zweckgerichtet.  Die Praxis ist Grundlage und Ziel der Erkenntnis.  Die Praxis und die praktischen Bedürfnisse der Menschen, vor allem die der Produktion, bestimmen die Entwicklungsrichtung der Erkenntnis, stellen ihr die entscheidenden Aufgaben, und die Praxis liefert auch die materiellen Mittel zur Lösung dieser Aufgaben.

            Der Unterschied zwischen der marxistischen und der vormarxistischen Erkenntistheorie liegt in dem Wesen des Prozesses. Die vormarxistische Erkenntnistheorie (Plato, Kant, Hegel) verblieb in dem bloßen Denken.  Sie identifiziert meist Denken und Sein, Erkennen ist Erzeugen eines Objekts.  Die materialistische Erkenntnistheorie vor Marx (von hauptsächlich Feuerbach) ist undialektisch.  Sie sieht die Erkenntnis als ein kontemplatives Empfangen der objektiven Welt, ohne den schöpferischen Charakter der Erkenntnis zu verstehen.  Nach Marx aber ist die Erkenntnis nicht von der Dialektik zu trennen.

            Was ist Dialektik?  Es ist die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, in der Gesellschaft und in dem Denken.  Die Dialektik nach Marx ist nicht nur in dem Denkprozess sondern auch in allen materiellen Prozessen. Die Wirklichkeit ist in allen ihren Erscheinungsformen (Natur, Gesellschaft, Denken) in steter Bewegung und Entwicklung.

Überbau und Basis

Diese Dialektik ist nicht nur in dem Erkenntnisprozess sichtbar, sondern auch in den Aufbauformen der Gesellschaft.  "Die Produktion der Ideen, Vorstellungen, des Bewusstseins ist zunächst verflochten in die materielle Tätigkeit und den materiellen Verkehr der Menschen, Sprache des wirklichen Lebens." 

Was ist Basis und Überbau?

Sie sind Kategorien des historischen Materialismus, welche den gesetzmäßigen Zusammenhang und die Wechselwirkung zwischen den ökonomischen und allen andern Verhältnissen widerspiegeln.  Die Basis heißt, die Produktionsverhältnisse der Gesellschaft.  Diese bilden die Grundlage oder Basis der Gesellschaft.  Die Basis ist die ökonomische Struktur der Gesellschaft.  Der ÜBERBAU ist die Gesamtheit der dieser Basis entsprechenden politischen, juristischen, moralischen, weltanschaulichen Anschauungen und Institutionen.  In jeder Gesellschaftsform bringt eine jede Basis einen ihr entsprechenden Überbau hervor, der auf die Basis auch zurückwirkt.  Der Überbau ist nicht ausschließlich Widerspiegelung der Basis, sondern nimmt auch eine selbstständige Rolle auf, in dem er auch das Gedankengut vergangener Zeiten aufnimmt.  Dialektik zwischen Überbau und Basis.

Die Literatur als Überbau.

Es mag so erscheinen, dass Marx eigentlich sehr wenig über die Literatur und die Rolle der Kunst gesagt hat, in seinen ökonomischen Theorien, aber man muss auch bedenken, dass der Theoretiker der politischen Ökonomie, in der Literatur und auch in der Theorie der schönen Künsten gebildet war.  Der Arbeiterkreis in Brüssel traf sich ein Mal in der Woche, um die Kunst zu besprechen.

            Marx hat sich intensiv mit dem Begriff "Realismus" beschäftigt, und zwar in bezug auf vor allem die Romane Honoré de Balzacs.  Dieser Begriff von "Realismus" könnte als Gegenentwurf zu der romantischen und idealisierenden Literatur des achtzehnten Jahrhunderts gesehen werden.  Zum Beispiel Schiller, Lessing usw. Aber warum hat Marx den Realismus gewählt, und auch was für einen Realismus?

            Was verstehen Sie unter Realismus?  Wenn der Realismus also eine Widerspiegelung der Wirklichkeit sein soll, hat dann die Literatur nicht eine zweitrangige Funktion in der Geschichte?  Was widerspiegelt die Literatur--die geschichtlichen Verhältnisse. Henri Matisse hat gesagt, dass alle Kunst von ihrer besonderen Epoche eingeprägt wird.  Das wäre gerade der Gegensatz zu dem alten Diktum, daß die "große" Kunst ewig gelte.  Was heißt aber nach Marx Geschichte?  Wie wir gesehen haben, besteht die Geschichte aus der Dialektik zwischen der Basis und dem Überbau.  Wie Marx sagt in seinem Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie (1859), "diese Produktionsverhältnisse bilden die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen."  Was ist aber das Verhältnis zwischen Basis und Überbau?  Ist der Überbau auch bloß eine Widerspiegelung der ökonomischen Verhältnisse?

            Der Überbau wird als Legitimierung der Basis verstanden, d.h. die Moral, Recht, Religion usw. erhalten diese Produktionsverhältnisse, in dem sie den Regierenden rechtfertigen. Diese Rechtfertigung könnte auch als die regierende Ideologie gesehen werden.  Die Kunst ist also auch ein Teil dieser Legitimierung, dieser Ideologie.  Die Kunst wäre also auch ein Teil des Überbaus.

            Diese Auffassung von Kunst ist natürlich in direktem Gegensatz zu der Auffassung von "Art pure" oder auch "l'art pour l'art."  Das Kunstwerk wäre also keine geheimnisvolle Gabe Gottes, oder der Künstler kein Genie.  Die Literatur wäre kein Symptom psychologischer Störungen.  Vielmehr wird die  Kunst, d.h. auch Literatur wird als Produkt besonderer politischen, geschichtlichen und vor allem natürlich ökonomischen Verhältnissen gesehen.   Sie ist aber keine direkte Widerspiegelung.  Die Kunst unterstützt nicht immer die regierende Ideologie.  Die Kunst ist eine Art die Welt zu sehen, sie gibt dem Leser eine neue Perspektive von der Welt, und als solches ist sie nicht direkt mit irgend einer Ideologie verbunden.  Sondern sie steht auch in mittelbaren Verhältnissen mit den ökonomischen und materiellen Verhältnissen zusammen.  Die Literatur ist auch eine Umgestaltung der wirklichen Umstände, und das bedeutet natürlich auch, dass nicht mehr die wirkliche Welt, d.h. die Welt, die wir um uns sehen, geschildert wird.

            Der Realismus, als literarischer Begriff, wird am vortrefflichsten von Erich Auerbach beschrieben in seinem Werk, Mimesis.  Der sozialistische Realismus wurde zuerst von Maxim Gorki 1934 auf dem Unionskongress der sowjetischen Schriftsteller erwähnt. Gorki, mit Beziehung natürlich auf seine eigenen Werke, verstand damals unter dem Begriff Realismus, eine neue inhaltliche Bestimmung aller Kunst.  Die Arbeit soll als das dem Menschen formende Element, als die Schicksal und Charakter konstituiernde Macht dargestellt werden.  Der Gegenstand der Kunst soll der arbeitende Mensch sein. Der vorrevolutionäre Künstler hatte in der Gesellschaft keinen Platz, keinen Ort für sein Schaffen.  Er stand der bürgerlichen Literatur gegenüber kritisch.  Jetzt soll aber der Sozialismus diese Lücke füllen, d.h. der Sozialismus sollte sein Sein als Tun und als Schöpfung bestätigen.  Noch hinzu fügte der Kulturminister Schdanow drei Aufträge,

1.      der Autor müsse das Leben der Arbeiter, die Arbeit, ihre gesellschaftlichen und technischen Bedingungen genau studieren

2.      die Literatur soll den Sozialismus erziehen, Autoren sollen "Ingenieure der menschlichen Seele sein.“

3.      die Literatur soll die Realität der Arbeit und der Gesellschaft nicht als die objektive Wirklichkeit darstellen, sondern als eine Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung. 

Diese letzte Aufgabe ist diejenige, die den sozialistischen Realismus von dem materiellen Realismus des neunzehnten Jahrhunderts unterscheidet.  Nicht die Realität, oder Wirklichkeit als statisch, d.h. wie sie ist und nie anders sein wird, sollte dargestellt werden, sondern die Möglichkeit einer revolutionären Änderung.  Der neue Begriff des Soz. Realismus hat daher einen ästhetischen Inhalt, d.h. die Welt abzubilden wie sie ist, aber auch gleichzeitig sie in einem dialektischen Prozesse mit der Basis zu schildern.

Der Naturalismus des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts hat im Gegensatz zu dem neu beginnenden Realismus die Welt als tot und statisch dargestellt.  Die Welt wird in jedem einzelnen Detail beschrieben und die Möglichkeit oder Hoffnung, aus diesen materiellen Umständen zu kommen fehlt gänzlich.  Die Welt des soz. Realismus ist noch im Gären, es gibt immer die Hoffnung auf Veränderung durch den Menschen.  Die Literatur ist keine passive Widerspiegelung der ökonomischen Verhältnisse. .Expressionismus, Impressionismus, Dekadenz, Ästhetismus, Formalismus.

Die Kunst soll engagiert sein.