Bucknell University

Department of Modern Languages, Literatures, and Linguistics

 

 

GRMN 230

K. Faull

 

 

Wie interpretiere ich ein Gedicht?

 

 

Was ist der Stoff oder der Inhalt des Gedichts?

 

*  Der Stoff ist „das Was“ einer Dichtung, das natürlich eng mit „dem Wie“ einer Dichtung verbunden ist.  Der Stoff kann aus historischen Quellen kommen, z.B. der Bibel, einer Chronik, der Mythologie, Zeitgeschichte usw. 

*  Die Analyse eines Gedichts schließt auch eine kurze Inhaltsangabe ein (d.h. die Namen der Personen, die Handlung wird auch zeitlich und örtlich festgelegt)

*  Manchmal kann man auch einen Verglaich mit anderen Quellen machen—wie weicht der Dichter z.B. von der bekannten Quelle ab?  Warum?  Wie?

 

Was ist das Motiv eines Gedichts?

 

*  Das Motiv eines Gedichts kann man als die treibende Kraft einer Geschichte sehen.  Das Motiv bleibt, wenn man ein Geschehnis aller stofflichen Festlegungen entkleidet und es als eine allgemeine Situation formuliert, die sich überall wiederholen kann.

*  Ein Motiv ist typisch menschlich, z. B. Romeo und Julia = verbotene Liebe

*  Das Motiv ist nicht das Thema—das ist abstrakt, ideell. 

 

Welche Funktionen haben der Titel, der Gehalt, und die inhaltliche Gliederung?

 

*  Der Titel kann die Zeit und den Ort des lyrischen Ichs bestimmen (Morgen, Abend, Nacht…)

*  Er kann die Empfindungen des lyrischen Ichs statt des Anlasses beim Namen nennen (Heimweh, Sehnsucht..)

*  Der Titel kann beim ideellen Gedicht das Thema angeben (Das Göttliche, „Die Größe der Welt) oder einen Adressaten nennen (An die Nachgeborenen)

*  Er kann die Form bezeichnen (Sonnett)

*  Er kann die handelnden Personen nennen

*  Er kann mit dem Gedichtsanfang identisch sein oder das Motiv sein

*  In Rollengedichten ist der Titel sehr wichtig, da der Dichter sein empfindendes Ich einer anderen Person leiht, die im Titel genannt wird (Prometheus)

*  Der Titel kann unentbehrlich zum Verständnis des Gedichts sein (Vereinsamt, An den Mond)

 

Der Gehalt

 

*  Die Summe der darin enthaltenen Ideen.  Manche Ideen stehen in dem Vordergrund und müssen in der Interpretation hervorgehoben werden

 

 

Die inhaltliche Gliederung

 

*  Wie hat der Dichter den Inhalt gegliedert?  Wie ist der Inhalt auf die verschiedenen Strophen verteilt?  Wieviel Raum gibt der Dichter einer Idee?

*  Sind äußere und innere Gliederung identisch?  Entsprechen neue Strophen neuen Ideen, Gefühlen, Gedanken, Erlebnissen, usw?

*  Gibt es Strophensprünge?  Bricht die Strophe mitten im Satz ab?

*  Ist das Gedicht durch einen Wechsel von Zeitform mehrschichtig?  Warum wechseln sich die Zeitformen?

 

Der Klang

 

*  Der Klang und der Ausdruck eines Wortes machen den Gehalt aus.  Die Klangeinheiten bestehen aus Vokalen und Konsonanten

*  helle Vokale entstehen in der vorderen Mundhöhle

*  e, I, ä, ö, ü, ei, äu

*  dunkle Vokale entstehen in der hinteren Mundhöhle

*  a, o, u, au

*  harte Konsonanten

*  p, t, k, pf, ts, z, tsch, f, s, sch, ch, h

*  weiche Konsonanten

*  b, d, g, w, v, s vor Vokalen

*  Im allgemein kann man sagen, daß helle Vokale und weiche Konsonanten eine freundliche Stimmung bilden und helle Vokale und harte Konsonanten eine unangenehme Stimmung.  Dunkle Vokale können Klage, Sehnsucht, Trauer ausdrucken

*  Das alles heißt Onomatopoeia oder die Wortmalerei.  Es gibt auch

*  Die Alliteration, d.h. die Wiederholung eines Klanges in zwei oder mehr nahe beieinander stehenden Wörtern (stammsilbe oder Anlaut)

*  Die Anapher kommt vor, wenn das selbe Wort oder die selbe Wortgruppe am Anfang zwei oder mehr Strophen vorkommt

*  Die Epipher kommt vor, wenn dasselbe Wort oder die selbe Wortgruppe am Ende mehrerer Sätze vorkommt

 

Der Reim

 

*  Der Endreim ist der Gleichklang eines Wortes oder einer Wortfolge von dem letzten betonten Vokal an

*  Es gibt auch den unreinen Reim, wenn der Reim nicht ganz gleich ist, z.B. Leute, weite

*  der rührende Reim besteht aus einem Reim, wo die Wörter identisch sind (siehe Epipher)

*  der Assonanz—der Gleichklang nur der Vokale, z.B. „war, kamst“

*  Reime sind entweder männlich-stumpf (einsilbig) oder weiblich-klingend (zweisilbig) oder gleitend (dreisilbig)

 

das Reimschema

 

*  der Paarreim                    aabb ccdd…

*  der Kreuzreim                            abab cdcd…

*  der umarmende Reim                 abba cddc

*  der verschränkte Reim                abcabc…

*  der Kettenreim                          aba bcb cdc…

*  der Schweifreim                        aabccb abbacc (Paarreim und umarmender Reim)

 

das Metrum

*  das Metrum ist das Maß eines Verses oder auch sein Takt, das durch die schematische Anordnung der Silben bestimmt wird.  Das Metrum ist nicht der Rhythmus, es gibt ihm aber seine Grundstruktur.

*  Die Silben eines Gedichts sind entweder betont (´) (eine Hebung) oder unbetont (  ) (eine Senkung).  Ein Takt (oder Verfuß) ist eine metrische Einheit, d.h. von einer Hebung zur nächsten

*  der Jambus

*  der Trochäus

*  der Anapäst

*  der Daktylus

*  Man skandiert ein Gedicht (d.h. man bestimmt das Metrum eines Gedichts)

*  Wie skandiert man?

*  Man markiert alle natürlich betonten Silben mit einem doppelten Akzentzeichen (//)

*  Man versucht dann den Takt zu erkennen

*  Vorwärts und rückwärts von den festgelegten Akzenten ausgehend zeichnet man denselben Wechsel von Hebungen und Senkungen über alle Versen ein

*  Man zeichnet dann die Taktstriche ein und zählt die Takte

 

Der Zeilen- und Strophenbau

 

*  Der Zeilenbau ist die rhythmische Einheit innerhalb der Strophe—die Zahl der Hebungen wird gezählt

*  der Einheber--kommt selten vor—normalerweise nur in Verbindung mit mehrhebigen Versen

*  der Zweiheber—Zeilen mit zwei Takten sind gelegentlich in lyrischen Strophen anzutreffen.  Häufiger aber im Wechsel mit längeren Zeilen.

*  der Dreiheber—Dreiertakt wird am hüafigsten in der volkstümlichen deutschen Dichtung verwendet

*  der Vierheber—am häufugsten gebraucht.  Vierhebige Trochäen sind am populärsten.  Es können auch mehr Senkungen zwischen den Hebungen kommen.

*  der Fünfheber—der Blankvers, der Pentameter, der Hauptvers des deutschen Dramas

*  der Sechsheber—Alexandriner mit Kadenz und auch Einschnitt (Zäsur) nach der dritten Hebung.  Diese waren im 17. Jahrhundert sehr beliebt.  Sechs Takte sind eine Mischung von Daktylen und Trochäen

*  freie Taktzahl—Madrigalverse und freie Verse—das Metrum ist normalerweise jambisch oder trochäisch

*  freier Rhythmen—Verse ohne festes Metrum—mehr strophisch gegliederte Sprache